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Übers Fotografieren mit Netcams


Seit 16 Jahren sind Netcambilder mein Sammelgut. Im Archiv befinden sich über 4 Millionen
Bilder, heruntergeladen aus allen Kontinenten – das Netz reicht weit. Besucht werden
allgemein zugängliche Netcams des öffentlichen wie des privaten Raumes.

Netcams dokumentieren geduldig Welt. In unterschiedlichen Rhythmen stellen sie für kurze
Zeit Bilder ins Netz, die sofort wieder überschrieben werden, welche wieder . . . und so fort
(insofern zeichnet diese Bilder eine hohe Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit aus, so sie
sich durchs stetige Überschreiben quasi ständig selber vergewissern).

Bei der Aufnahme rückt kein Fotograf, kein Autor die Kamera zurecht, der Bildausschnitt
an öffentlichen Orten ist oft über Jahre hinweg der gleiche. Dazu blicken private Cams
laufend in dieselben Räumlichkeiten.

Auch für die Fotografie ist dies Neuland: Plötzlich hat die Kamera tausend Augen.
Plastiklinsen fügen sich vernetzt zu einer einzigen, ständig fotografierenden Kamera,
der heimische Bildschirm ist der Sucher, die Maus der Fänger, die Netcam das Objektiv.

Objektiv und Sucher sind - anders als bei der herkömmlichen Fotokamera - separiert,
häufig kontinentweit. Die Linsen sind eingebettet in ein privates oder öffentliches Umfeld.
Draußen Wind und Wetter, Flora und Fauna, drinnen den Zumutungen privater Betreiber
ausgesetzt, starren sie integer auf das Geschehen. Die Welt setzt sich selber ins Bild.
Getrimmt aufs Augenscheinliche, zeichnen sie auf, vermessen, tasten ab, vermitteln.
Ein autorenloser Bildautomat, globalisierte Fotografie. 

Privates aus der guten Stube, zeigen der Öffentlichkeit private Cams. Dienlich wohl
einer Art der Verständigung, werden diese – nach einer gewissen Zeit und im Idealfall

von den Bewohnern in den Alltag integriert. Die Protagonisten verhalten sich dann zur
Kamera wie zu einem pflegeleichten (und vielleicht etwas neurotischen) Haustier.

Die genauen Zwecke, die da zu erfüllen sind und mithin die Intentionen der Betreiber,
sind nicht bei jeder Cam augenfällig. So eilt man (je nach Zielsetzung), wie der
herkömmliche Fotograf auf der Pirsch, von Cam zu Cam, von Kontinent zu Kontinent
und hofft darauf, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein - einerseits.

Andererseits drängen sich konzeptuelle Ansätze beim Arbeiten mit Netcams geradezu auf.
Diesbezüglich gilt es das Serielle der Bildproduktion, der fixe Blick der öffentlichen
und die kontinuierliche Einsicht ins Private der häuslichen Netcams, sowie eine brisante
Autorenlosigkeit hervorzuheben.

Mittels dieser Eigenschaften dokumentieren Netcams Welt; und ermöglichen so darob,
das fotografische Arbeiten zu erweitern und zu erneuern.

Die exponierten Netcams gehen den Gang der Dinge. Sie provozieren gewisse Aufnahmen
durch ihre relative Autonomie und ihre Bauweise. Mit einer herkömmlichen Fotokamera
lassen sich diese Bilder nicht produzieren. Erst das Entkoppeln, gleichsam das Aussetzen
der Linsen machen diese möglich. Netcams sind unsere in den Lauf der Dinge eingebetteten
Berichterstatter.
Und sie berichten von allem.

Kurt Caviezel